Mittwoch, 22. April 2026 | 19.45 Uhr
Mittwoch, 22. April 2026 | 19.45 Uhr
Etwas Besseres als den Tod finden wir überall
© Katrin Ribbe
Singspiel mit vier Tieren nach den Bremer Stadtmusikanten mit Live-Musik
Es waren einmal … Esel, Hund, Katze und Huhn, die zusammen eine Band gründeten, denn: „Wer singt, der ist nicht tot.“ Doch anders als in der Grimm’schen Version der Bremer Stadtmusikanten sind es die vier Tiere selbst, die ihren Unterdrückern kündigen oder entfliehen.
Esel Grau hat lange genug bis zur Erschöpfung gearbeitet. Hund Schlau will nicht mehr an der Kette den Wohlstand seines Arbeitgebers bewachen. Mit letzter Kraft entflieht Huhn Kommun der Massentierhaltung. Katze Schwarz wird schwanger und halbtot aus dem Meer gezogen. Zu viert wagen sie den Aufstand und wollen eine bessere, solidarische Welt erzwingen. Mit ihren Liedern und ihrer Diskussionsfreude geben sie ein fabelhaftes Beispiel, wie sich Zuversicht behalten lässt, angesichts globaler Krisen.
Martin Heckmanns‘ preisgekröntes Stück ist eine mitreißende poetisch-politische Parabel über die Probleme unserer Zeit. Die erfolgreiche Uraufführungs-Inszenierung am Staatstheater Kassel zieht in veränderlicher Form weiter von Stadt zu Stadt; das bekannte Grimm-Zitat im Titel dieses Singspiels wird zum Motto der Tour.
"In den fantasievollen Kostümen von Sabine Kohlstedt liefern alle Schauspieler beeindruckende Leistungen ab. … Die Musik, die Masha Qrella komponiert hat und mit Band auf der Bühne auch selbst interpretiert, ist eingängig, changierend zwischen Pop, Rock, Soul und Postrock, aber nie eintönig – und das ist bei einem Theaterabend vielleicht das wichtigste, ganz besonders, wenn es sich um ein engagiertes Stück handelt." nachtkritik.de
"Wer hätte vermutet, dass sich aus den guten alten, leicht sentimentalen Bremer Stadtmusikanten ein bitterböses Diskurs-Märchen auf dem Stand der aktuellen kritischen Debatten reimen lässt?" Auswahlgremium Mülheimer Theatertage
Einführung 19 Uhr
Staatstheater Kassel / weiterspielen productions
Uraufführung
Text: Martin Heckmanns
Regie: Friederike Heller
Komposition und Live-Musik: Masha Qrella
Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt
Mit: Tilman Strauss, Clemens Dönicke, Katharina Brehl, Zazie Cayla u.a.
Warum singen Tiere?
von Martin Heckmanns
Als Kind schon habe ich mich gefragt, warum dem Esel im Märchen eine Laufbahn als Musikant in Bremen in den Sinn kommt zuvörderst, nachdem er bemerkt hat, dass er seines Lebens nicht mehr sicher ist, weil er nicht mehr tragen kann, was sein Herr verlangt. Auf der Flucht trifft der Esel den ebenfalls nutzlos gewordenen Hund und sie wissen nicht wohin, da schlägt der Esel vor, sie könnten zukünftig gemeinsam musizieren gehen, als wäre das eine Lösung. Der Hund aber ist umstandslos einverstanden, ohne nach seinem Lohn oder nach notwendigen Qualifikationen zu fragen. Und im Weiteren schließen sich auch die müde Katze und der bedrohte Hahn dem musikalischen Wünschen an wie selbstverständlich.
Die Musik scheint ihnen ein Versprechen zu bieten auf ein leichteres Leben, ein heiteres Fortkommen oder ein harmonisches Miteinander. Musik ist anziehend, kann mitziehen, sie hat einen Zug und eine Richtung, denen sich die Musikanten hingeben können im besten Fall. Man kann sich gehen lassen zur Musik oder in ihr. Die Tiere sind geprügelte Hunde oder ratlos Ausgestoßene und könnten schreien vor Verzweiflung, aber im Gesang ließe sich ihre Niedergeschlagenheit möglicherweise verwandeln in Schönheit. Eine Melodie gibt dem Schmerz eine Ordnung in der Zeit, die Trauer verteilt sich auf Töne und ein Lied treibt voran, ohne ein Ziel zu kennen außer Dauer. Nur der Wunsch hält es am Laufen, dass es nicht aufhören möge zu klingen. Gesang ist eine flüchtige Kunst. Die Tiere sind auf der Flucht und sie sind mittellos. Singen kann jeder, der eine Stimme hat, Spielen kann jeder mit Körper. Nach Jahren in Abhängigkeit lösen die Tiere die Fesseln des Schweigens und begehren auf gegen ihre stumpfen Herren. Im Chor verbinden sich ihre Stimmen und sie gewinnen Stärke. Die Tiere schließen sich zusammen und klingen plötzlich ungeheuer unheimlich, dass sich selbst Räuber erschrecken. Die Tiere wachsen über sich hinaus, sie bauen sich aufeinander auf. Jeder Aufstand braucht ein Lied. Gemeinsamer Gesang ist ein Ausdruck von Solidarität, die verschiedenen Stimmen achten aufeinander und geben sich Raum und stützen einander, wenn sie zu schwach sind alleine. Musik verfliegt und kennt kein Halten, aber die Tiere haben nichts zu verlieren. Die Tiere sind nutzlos geworden und auch die Kunst soll es sein. Doch vorübergehend bietet ihnen die Musik eine ortlose Heimat, Wärme, Orientierung. Für die Dauer ihres Tuns sind sie geborgen in einer Form der Kunst. Welchen Text sie singen, hat das Märchen offen gelassen. Im Gegensatz zur Literatur muss die Musik nichts bezeichnen in der Welt. Wir sind bedeutungslos und frei in der Erfindung, wenn wir summen, brummen, bellen oder krähen. Der Körper ist involviert, wenn wir uns in Schwingung versetzen und mit offenen Ohren wird alles Klang und Zusammenhang. Musik entsteht aus Berührung, strömt über Grenzen und vergeht erschöpft mit dem letzten Ton. Die Tiere wissen nicht, wie viel Zeit ihnen noch bleibt, wer weiß das schon? Und vielleicht singen sie auch für uns, um uns zu erreichen, um uns zu erweichen, damit wir musikalisch leben statt zerstörerisch, uns verbinden im Klang statt einzeln zu kämpfen in Konkurrenzen. Im gemeinsamen Musizieren kann nur die Gruppe gewinnen. Und eines ist sicher, an jeder Stelle in jedem Lied: Etwas Beeseres als den Tod finden wir überall.
Ihre Vorteile